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Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse
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Siegfried Eikelmann (Jg. 1896): Hauptangeklagter; wird zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt Siegfried Eikelmann (Jg. 1896): Hauptangeklagter; wird zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt
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Urteil im Verfahren Eikelmann u.a.
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EIKELMANN U.A.
 

Nur drei Wochen nach dem VGH-Verfahren ?Bertram u.a.? fand im Wuppertaler Landgericht das Verfahren gegen ?Eikelmann u.a.? statt. In diesem vom Oberlandesgericht (OLG) Hamm geführten Prozess waren alle Angeklagten aus dem Velberter Raum. Dass sich gerade in Velbert der Aufbau von Widerstandsgruppen vor allem auf Betriebsebene vollzog, war schon längere Zeit offensichtlich. Doch fehlten der Wuppertaler Gestapo dort die Verhaftungserfolge.

Am 25. Januar 1935 begannen die Massenverhaftungen im Velberter Raum. Laut Ermittlungsakten spielten zwei wesentliche Gründe für das Aufspüren der illegalen Strukturen eine Rolle. Erstens führte die Aussage des am 21. Januar 1935 verhafteten Gustav Domin, der im VGH-Verfahren ?Bertram u.a.? verurteilt wurde, auf die Spur nach Velbert. Er zeigte den Gestapobeamten das Wohnhaus (Rottberg 24) von Richard Plätzer. Dieser ?kippte? drei Tage nach seiner Verhaftung um und berichtete in einer langen Aussage dem Gestapobeamten Drießen von einem Teil der illegalen Strukturen. Es ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass er durch Folter dazu getrieben wurde, über den Aufbau der Widerstandsgruppen auszusagen. Zumal Plätzer zunächst dem Gestapobeamten gegenüber betont hatte, dass man ihn totschlagen könne, bevor er etwas sagen würde. Auch vor dem Richter wies er darauf hin, dass er diese Aussagen nur wegen der Misshandlungen gemacht habe. Innerhalb nur eines Monats konnte die Gestapo somit den überwiegenden Teil der 110 Verfahrensbeteiligten festnehmen.
Jeder vierte Verhaftete wurde nach einigen Stunden bzw. Tagen wieder freigelassen. Insgesamt 29 Verfahren stellte die Staatsanwaltschaft mangels Beweisen ein.

Die Anklage wurde von Staatsanwalt Ulrich Terjung erhoben. Nach nur neun Verhandlungstagen - zwischen dem 2. und 12. Dezember 1935 - sprach dann am 12. Dezember der Vorsitzende des II. Strafsenats des OLG Hamm, Landgerichtspräsident Dr. Ernst Hermsen, die Urteile über 77 Männer und drei Frauen. Drei der Angeklagten wurden freigesprochen (Heinrich Schmidt, Kurt Niepott und Aloys Diefenbach), fast alle übrigen Angeklagten wegen ?Vorbereitung zum Hochverrat? nach § 83 StGB in der Fassung vom 24. April 1934 für schuldig befunden. Die höchste Strafe erhielt Siegfried Eikelmann mit acht Jahren Zuchthaus; Heinrich Kulemann und Karl Astheimer wurden zu je sieben, Heinrich Mühlhause sen., Josef Rath und Hubert Göbels zu je sechs Jahren Zuchthaus verurteilt.

Der Velberter Eikelmann war seit Frühjahr 1934 derjenige gewesen, der maßgeblich den Aufbau der KPD, des KJVD und der Einheitsgewerkschaften im Velberter Raum leitete. Er wurde dabei unter anderem von den Solinger KPD-Funktionären Ernst Bertram (seinerzeit Bezirksleiter der KPD für Niederrhein) und Wilhelm Recks (politischer Leiter für den gesamten Unterbezirk Wuppertal) angeleitet. Sämtliche illegale Schriften und Flugblätter gelangten von Elberfeld nach Velbert; umgekehrt gingen die in Velbert kassierten Mitgliedsbeiträge und der Erlös der Schriften an die Unterbezirksleitung in Elberfeld. Die Aufgabe des Hauptkassierers im gesamten Velberter Raum hatte Göbels.
Im Spätsommer 1934 wurde dann auch in Velbert die Gründung einer Einheitsgewerkschaft (Deutscher Metallarbeiter Verband) forciert. Für diese Aufgabe war in erster Linie der Artist Ludwig Vorberg zuständig, der in einem anderen Verfahren im Februar 1936 zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Leider sind die Ermittlungsakten zu diesem Verfahren nicht mehr aufzufinden; lediglich die Anklageschrift existiert noch. Vorberg wurde für diese Aufgabe von Paul Claasen, dem Leiter für den Aufbau der illegalen Gewerkschaftsarbeit, eingesetzt. Die Instruktionen erhielt er aber in der Regel von der für den Niederrhein zuständigen Elli Schmidt. Ausgestattet mit verschiedenen Decknamen wurde sie offiziell vom Zentral Komitee (ZK) der KPD für den Aufbau der Einheitsfront auf gewerkschaftlicher Ebene in diesem Bezirk beauftragt. Für den Velberter Raum bedeutete dies, dass Rath als Leiter der Gewerkschaftsgruppen, Mühlhause sen. als deren Kassierer sowie Kulemann als deren Organisationsleiter Vorberg unterstanden. Sie führten ihm eine Reihe ehemaliger Gewerkschaftsfunktionäre, Kommunisten aber auch Sozialdemokraten aus den Betrieben zu. Gewerkschaftsgruppen konnten sich vor allem in den Betrieben Tiefenthal, August Engels, Karrenberg, Hülsbeck & Fürst, Herminghaus sowie Meinert bilden. In diesen und einigen weiteren Betrieben kursierten diverse Flugschriften und Zeitungen wie der ?Deutsche Metallarbeiter?; darüber hinaus bezahlten die Mitglieder der einzelnen Gewerkschaftsgruppen regelmäßig ihre Beiträge.

Außer der KPD sollte auch deren Jugendorganisation, der KJVD, wieder aufgebaut werden. Dafür kam der Wuppertaler Instrukteur des KJVD, Wilhelm Storat, der später im Verfahren ?Dickhagen u.a.? verurteilt wurde, nach Velbert und lieferte die Zeitung ?Junge Garde?. In Velbert bemühte sich Ernst Knebel, der am 28. Januar 1935 festgenommen und zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, um den Aufbau, der dann später maßgeblich im Verfahren ?Mühlhause u.a.? verhandelt wurde. Insgesamt standen in diesem vergleichsweise kleinen Verfahren elf Personen vor Gericht, davon fünf Jugendliche aus Velbert, die bereits am 16. September 1935 wegen des Aufbaus des KJVD zu Gefängnisstrafen von mindestens zwei Jahren verurteilt worden waren. Auf ihre Spur war die Gestapo durch einen Kassiber von Knebel gekommen, der bei seiner Mutter nach einem Gefängnisbesuch am 14. Juni 1935 gefunden worden war.

Die übrigen Beteiligten aus dem Verfahren ?Mühlhause u.a.? kamen aus Solingen und sind wahrscheinlich aufgrund einer Aussage von Recks ins Visier der Gestapo geraten. Vier Verfahren wurden eingestellt; einzig die zwei Solinger Erich Urban und Paul Müller wurden wegen des KPD-Wiederaufbaus im Unterbezirk Solingen am 16. September 1935 zu vier bzw. viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt.

Insgesamt zeigen die Verfahren ?Eikelmann u.a.?, ?Mühlhause u.a.? sowie das gegen Vorberg, dass die Richtlinie der KPD, sich NS-Organisationen anzuschließen und damit von innen heraus gegen das Regime zu kämpfen, in Velbert umgesetzt worden war. Die meisten Verfahrensbeteiligten waren Mitglieder der Deutschen Arbeitsfront (DAF); einige wenige in anderen NS-Organisationen.

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