1935 - 2005 | 70 JAHRE WUPPERTALER GEWERKSCHAFTSPROZESSE | VORBEREITUNG ZUM HOCHVERRAT 1935 - 2005 | 70 JAHRE WUPPERTALER GEWERKSCHAFTSPROZESSE | VORBEREITUNG ZUM HOCHVERRAT # #
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Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse
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GEWERKSCHAFTSPROZESSE

Verfolgung: Gestapo
Verfolgung: Justiz
Ermittlungen
Prozesse
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Wilhelm Muth (Jg. 1899): kam als erster am 25.1.1935 in Gestpohaft ums Leben Wilhelm Muth (Jg. 1899): kam als erster am 25.1.1935 in Gestpohaft ums Leben
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Anna Wienand (Jg. 1915): wurde während der Vernehmung brutal misshandelt Anna Wienand (Jg. 1915): wurde während der Vernehmung brutal misshandelt
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Julius Pöhler (Jg. 1904): auf seine Spur kam die Gestapo durch die Informationen des Geheimdiensts der DAF Julius Pöhler (Jg. 1904): auf seine Spur kam die Gestapo durch die Informationen des Geheimdiensts der DAF
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Emma Bruckner (Jg.1884): mit ihrer Festnahme am 8.6.1936 beginnen die Ermittlungen zum letzten Massenprozess Emma Bruckner (Jg.1884): mit ihrer Festnahme am 8.6.1936 beginnen die Ermittlungen zum letzten Massenprozess
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Verfahrensbeginn durch vertrauliche Mitteilung
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DIE ERMITTLUNGEN DER GEWERKSCHAFTSPROZESSE
 

Am 17. Januar 1935 gegen 16 Uhr verhaftete die Gestapo Wilhelm Muth, Otto Heyler und Wilhelm Recks in der Elberfelder Alsenstraße. Die drei KPD-Funktionäre bildeten die Leitung der illegalen Gewerkschafts- und Parteigruppen in Wuppertal. Ein Vertrauensmann (V-Mann) hatte der Gestapo den geplanten Treffpunkt an der Breitestraße/Ecke Königstraße (dem heutigen Robert-Daum-Platz) verraten.

Diese Verhaftungen gelten als der Auftakt der Massenverhaftungen 1935, die dann zu den so genannten Gewerkschaftsprozessen führten. Zwar wurden bereits Ende 1934 in Wuppertal und vor allem in Remscheid eine Reihe von Menschen festgenommen, von denen die meisten im Verfahren ?Dickhagen u.a.? und im Remscheider Verfahren ?Salz u.a.? vor Gericht standen. Doch gelang es der Gestapo erst mit den Verhaftungen am 17. Januar, die meisten illegalen Partei- und Gewerkschaftsgruppen im Wuppertaler und Velberter Raum, die seit Mitte 1934 aufgebaut worden waren, zu zerschlagen.
Unter Anleitung bzw. Mithilfe des Sicherheitsdiensts der SS (SD), Oberabschnitt West, ging die Gestapo mit äußerster Brutalität gegen die Verhafteten vor und nahm dabei keine Rücksicht auf das Geschlecht. Um den Aufenthaltsort ihres damaligen Verlobten Hermann Rehse zu erfahren, brach der Gestapobeamte Friedhelm Schüttler Anna Wienand dreimal das Steißbein. In dem Ermittlungszeitraum von Januar 1935 bis Dezember 1936 starben mindestens 17 Männer an den unmittelbaren Folgen der Verhöre. Muth war der erste Tote, bei dem die Folterspuren deutlich sichtbar waren. Ob die Männer von der Gestapo umgebracht wurden, wie es vor allem die Angehörigen meinten, oder sie sich selber das Leben nahmen, wie es der offiziellen Darstellung der Gestapo entsprach, lässt sich nicht mehr klären. Fakt ist aber, dass sie alle Opfer des NS-Regimes wurden.

Die Zerschlagung der illegalen Gruppen beruhte zum einen auf den Foltermethoden der Gestapo und des SD und zum anderen auf den ?vertraulichen Mitteilungen? der V-Männer. Bislang sind für den Wuppertaler Raum drei V-Männer namentlich bekannt: Walter Torner, Walter Bröcking und Walter Spicher. Heinrich Muth, der Bruder des in Haft verstorbenen Wilhelm Muth, diente sich im Laufe der Ermittlungen im Mai 1935 der Gestapo an.

Aber auch andere NS-Organisationen wie der Geheimdienst der Deutschen Arbeitsfront (DAF), das Amt Information, gaben vertrauliche Hinweise an die Gestapo weiter. So konnte der für den Aufbau freier Gewerkschaftsgruppen im Wuppertaler Betrieb Bemberg verantwortliche Gewerkschafter Julius Pöhler über die Hinweise des DAF-Geheimdiensts an die Gestapo ermittelt werden.

Die meisten Informationen zog die Gestapo aber aus den Vernehmungen der Betroffenen selbst. Wie bei einem Puzzle setzten die Geheimpolizisten die einzelnen Facetten der unterschiedlichen Aussagen zusammen und erhielten somit weitere Details wie Namen, Treffpunkte und Kontakte. Oft folgte unmittelbar nach der Vernehmung einer Person die Festnahme weiterer Personen. Laut einem Schreiben des Oberreichsanwalts in Berlin wurden in den ersten drei Monaten des Jahres 1935 mehr als 500 Männer und Frauen verhaftet - zum Teil 25 Personen an einem Tag. Nach den Akten der Generalstaatsanwaltschaft Hamm sind für den Ermittlungszeitraum von Anfang 1935 bis Ende 1936 über 1200 Personen von der Gestapo festgenommen worden. Der SD schreibt sogar von 1900 Festnahmen. Die Verhaftungen fanden rund um die Uhr statt, und die Betroffenen wurden auch nachts aus ihren Betten geholt. Nach den ersten Monaten gerieten dann deutlich weniger Personen ins Visier ihrer Verfolger. Im Frühjahr 1936 stagnierte die Zahl der Festnahmen sogar. Trotz der fieberhaften Suche gelang es der Gestapo erst im Juni 1936, die Akteure, die im Zusammenhang mit dem Wuppertal-Komitee Widerstandsstrukturen reorganisiert hatten sowie in dem bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ermittelten AM-Apparat tätig waren, auszumachen. Innerhalb weniger Wochen wurden noch einmal mehr als 150 Personen inhaftiert.

Gegen zwei Drittel der rund 1200 Festgenommenen, die in den Ermittlungsakten dokumentiert sind, erhoben die Staatsanwaltschaften Anklage. Wenn die Verfahren mangels Beweisen eingestellt wurden, konnte es sich um reine Willkür von Seiten der Gestapo handeln. Oft verhörte sie im Rahmen der Ermittlungen Familienmitglieder von KPD-Funktionären - vornehmlich die Ehefrauen -, um entweder Informationen über die illegale Tätigkeit der Angehörigen zu erhalten oder bei flüchtigen Regimegegnern den Aufenthaltsort in Erfahrung zu bringen. So wurden beispielsweise die Eltern und der Bruder des von der Gestapo gesuchten Ernst Bertram am 7. April 1935 in Solingen verhaftet und elf Tage in ?Schutzhaft? genommen. Ihnen konnte weder eine illegale Betätigung noch die Kenntnis über den Verbleib Bertrams nachgewiesen werden. Bertram selbst wurde einen Monat später nach einem abgehörten Telefongespräch festgenommen. Ebenso wurden Verfahren gegen die Personen eingestellt, deren Namen zwar in Verhören genannt wurden, denen aber keinerlei illegale Betätigung nachgewiesen werden konnte. Hierbei handelte es sich oftmals um Falschaussagen der Vernommen, weil sie wahllos Namen nannten, um den Folterungen der Gestapo zu entgehen.

Letztlich konnte die Gestapo - eingebunden in ein Netz unterschiedlicher Organisationen und Strukturen - den Wiederaufbau der illegalen KPD- und Gewerkschaftsgruppen, der sich seit Frühjahr 1934 im Wuppertaler und Velberter Raum entwickelt hatte, durch die Ermittlungen ab Januar 1935 zerschlagen. Die meisten aktiven Regimegegner verschwanden für mehrere Jahre hinter Gitter.

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